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Neuseeland und das Geheimnis der schlanken Linie
 
Wenn man sich Neuseeland von einem Raumschiff aus im Weltraum betrachtet, oder einfacher, auf einer Weltkarte, so sieht man zwei recht lang gezogene Landstücke, die sich vor allem durch ihre Länge und Schmalheit auszeichnen. Wenn man sich auf Aucklands Straßen umsieht, so fällt auf, dass sich diese Form auch in Neuseelands Einwohnern widerspiegelt. Der Durchschnittsneuseeländer ist groß und schlank. Um genau zu sein, ist mir persönlich noch kein dicker Neuseeländer über den Weg gelaufen, abgesehen von den Obdachlosen auf der Straße, aber die laufen ja nicht, sondern sitzen oder liegen nur vor großen Imbissketten und betteln um Geld für Fastfood – Alkohol ist ja auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt Aucklands verboten. Und auch wenn die Maori tendenziell zu einem kraftvolleren Körperbau neigen, so sind sie allesamt weit von dem entfernt, was man in Europa als übergewichtig bezeichnen würde. Ganz zu schweigen von den jungen Pakeha-Mädchen, die in gürtelartigen Röcken durch die Straßen laufen, und es sich, im Gegensatz zu vielen ihrer europäischen und amerikanischen Gleichgesinnten, leisten können. So viele nackte und angezogene Storchenbeine wie in Auckland sind mir noch nirgendwo sonst entgegen gekommen. Da tat sich bei mir die Frage auf, worin das Geheimnis der schlanken Linie der Neuseeländer liegen mag.
 
Zunächst hatte ich angenommen, dass die schlanke Linie der Aucklander auf die Berg- und Tal-Wanderung zurückzuführen ist, die die Menschen hier täglich zurücklegen. Allein der Marsch von der K’Road zum lokalen Supermarkt in der Victoria Street West und wieder zurück führt über scheinbar endlos lange Straßen und etliche Hügel und hilft dabei, sowohl Frühstück als auch das Mittag- und bevorstehende Abendessen komplett zu verbrennen. Ganz zu schweigen von der sonstigen körperlichen Betätigung, die viele der Aucklander zum Hobby haben. Fitnessstudios erfreuen sich großer Beliebtheit und sind sogar so gut besucht, dass ein striktes Zeitlimit an vielen der Geräten herrscht. Joggen, für mich jedes Mal eine Qual, zu der ich mich überwinden muss, ist ebenfalls eindeutiger Trendsport der Aucklander und führt bei der unumgänglichen Hügellandschaft zu Schweißausbrüchen, letzen Endes aber auch zu sehr zufrieden stellenden Resultaten. Erstaunlich, wie viele Kalorien man nach einer Stunde Berg-und-Tal-Lauf verbrennen kann.
 
Dennoch begann ich bereits daran zu zweifeln, dass allein Sport und tägliches (unfreiwilliges) Intervalltraining solche Effekte herbeiführen können, als ich das erschreckende Geheimnis der Schlankheit der Menschen dieses Landes erfuhr. Die Lebensmittelindustrie ist schuld! Die Neuseeländer werden schlicht und einfach hintergangen und unbemerkt ihrer Fett- und Kalorienzufuhr beraubt. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir dies beim Kauf einer, wie mir schien, herkömmlichen Mayonnaise. Ich wählte die Hausmarke, schlichtweg aus ökonomischen Gründen, stellte jedoch sofort bei der Verkostung dergleichen fest, dass hier etwas nicht stimmte. Bereits die Konsistenz war auffallend stichfest, die Farbe ein wenig zu gelb und der Geschmack deutlich zu süß-säuerlich. Abgelaufen war das Produkt laut Haltbarkeitsdatum nicht; ein Blick auf die Kalorientabelle bestätigte dann meinen zweiten Verdacht – die Mayonnaise war stark fettreduziert. Und das obwohl kein Hinweis auf ein Light-Produkt auf dem Etikett zu erkennen war. Einfach so wird hier den weniger wohlhabenden, zur Hausmarke greifenden Konsumenten die fettarme Variante untergejubelt. Ohne Hinweis und Vorwarnung auf den qualitativ minderwertigen Geschmack!
 
Ein Blick in das Regal der Milchprodukte bei meinem nächsten Supermarktbesuch bestätigte dann meine Befürchtungen, dass sich dieser geschickt verborgene Kalorien- und Fettentzug nicht auf Mayonnaise beschränkt. Das Angebot an Milchvarianten reicht in Neuseeland von „lite“, also einer Milch mit 0,2% Fettanteil, zu „trim“, einer Milch mit 0,1% Fettanteil,  zu „super trim“ und „trim plus Calcium“. Immerhin wird der geringe Fettanteil hier nicht kaschiert, aber doch mit verlockenden Assoziationen wie „trimm dich fit“ versehen. Vollfette Milch gibt es auch, aber bei weitem nicht in dieser Masse und Vielfalt. Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Joghurt hab. Hier gibt es keine Hausmarken, aber hier scheint man sich ohnehin einig zu sein, dass Joghurt keines Fettes bedarf. Die Auswahl an 0,1%-Fett Joghurts ist gewaltig und auch die scheinbar „normalen“ Frucht- und Naturjoghurts haben lediglich einen Fettanteil zwischen 1,2 und 1,5%. Nur beim griechischen Joghurt hat man sich bislang offenbar nicht getraut, den Geschmacksträger zu entfernen. Vor allem aber Produkte, die auf Kinder abzielen, und mit bunten Früchten, Farben und Bildern von Karamell und Schokolade werben, sind stark zuckerreduziert und schmecken dementsprechend künstlich und befremdlich – obwohl die Verpackung ausdrücklich klarstellt, dass keine künstlichen Aromastoffe verwendet werden. Es werden aber eben auch keine natürlichen Zucker und Fette verwendet, was den Geschmack drastisch verändert. So werden eben schon die jungen Geschmacksknospen der Kinder an die kalorienreduzierten Produkte gewöhnt; von klein an wird der durchschnittliche Neuseeländer buchstäblich auf fettreduzierte Waren getrimmt.
 
Das Angebot der fettreduzierten Artikel reicht von weniger überraschenden fettreduzierten Müslis, über Kekse und Süßigkeiten bis hin zu fettreduzierten Ölen. Ölen! Hier wird also schon das Fett fettreduziert. Da freut sich die Waage zu Hause und die alten Jeans passen sicher auch bald wieder. Wer nach all der vorbildlich figurfreundlichen Aufnahme fettreduzierter Produkte dann doch mal wieder Heißhunger auf einen richtigen Schokopudding mit 300 Kalorien verspürt, muss diesen Genuss teuer bezahlen – wobei die steigende Zahl auf der Waage das geringere Problem darstellen sollte. Vollfetter Joghurt und Pudding ist in Neuseeland auch voll teuer! Ein einzelner Schokopudding im kleinen 150g-Becher kostet so viel wie eine Sechserpackung der fettreduzierten Kollegen. Was die einen (Schlankheitsfanatiker) freut, bringt echte Joghurt- und Puddingliebhaber zur Verzweiflung. Denn letzen Endes gilt, wer in Neuseelands Supermärkten fett essen und einkaufen will, muss in jeder Hinsicht gut betucht sein.
 
Ein Glück gibt es auch in Neuseeland die altbekannten preiswerten Fastfoodketten, die den Zuckerspiegel wieder auf Normalniveau bringen. Da bekommt die Aufforderung nach ausgewogener Ernährung eine ganz neue Perspektive! Festzuhalten bleibt: Neuseeland ist ein Paradies, nicht nur für Naturliebhaber und Bergsteiger-Fans, sondern auch für alle, die gerne ohne auf die Kalorientabelle achten zu müssen hemmungslos einkaufen wollen und trotzdem schlank bleiben möchten. Denn die Chance ist groß, dass das gekaufte Produkt nahezu fettarm ist.
 
Sina Huth